Der Weg zum Guitar Hero – vom Metal zum Choro
Gitarrist Nikolai Voigt im Edelräudig-Podcast: vom Metal mit Plattenvertrag über Montevideo und Fortaleza zur siebensaitigen Choro-Gitarre.

Gitarrist Nikolai Voigt im Edelräudig-Podcast: vom Metal mit Plattenvertrag über Montevideo und Fortaleza zur siebensaitigen Choro-Gitarre.
Ende Dezember 2023 saß mir in Heidelberg ein alter Bekannter gegenüber: der Hamburger Gitarrist Nikolai Voigt. Kennengelernt haben wir uns vor vielen Jahren über einen gemeinsamen Freund, gemeinsam unterwegs waren wir unter anderem auf einem Roadtrip durch Spanien. Diesmal war er auf der Durchreise, und wir haben für den Edelräudig-Podcast gut 80 Minuten über seinen Weg gesprochen: von Metal und Rockstar-Fantasien über das klassische Gitarrenstudium bis zu einer Musik, von der ich vorher kaum etwas wusste – dem brasilianischen Choro.

Musik verbindet uns schon lange. Früher haben wir uns etwa einmal im Jahr zu unseren Bauwagen-Sessions getroffen und in dem kleinen Studio, das an den Bauwagen angebaut war, gemeinsam Songs aufgenommen.

Angefangen hat alles ziemlich unspektakulär. Als Kind hatte Nikolai Cellounterricht, die Gitarre kam erst bei den Pfadfindern dazu. Dort war er schnell derjenige, der alle Lieder begleitete. Mit 14 oder 15 kam er allein nicht mehr weiter und fand einen Lehrer, der ihm die klassische Gitarre und ihr mehrstimmiges Spiel nahebrachte. Nebenbei spielte er weiter E-Gitarre.
Einen festen Plan, unbedingt von der Musik zu leben, gab es dabei nicht. „Ich habe es nie forciert“, erzählte er mir. Er habe immer versucht, es aus dem Spaß und aus der Leidenschaft heraus zu machen. Der Rest habe sich meistens ergeben.
Während seines Bachelorstudiums spielte Nikolai E-Gitarre in einer Metal-Band. Die Band hatte einen Plattenvertrag, nahm zwei CDs auf und spielte Konzerte bis nach Stockholm. Verdient haben sie daran nichts. „Wir haben eigentlich eher einbezahlt“, sagt er rückblickend. Was sie bei Auftritten einnahmen, wanderte direkt in die Bandkasse.
Dann ging Nikolai für ein Austauschjahr an die Sibelius-Akademie nach Helsinki und konzentrierte sich auf die klassische Gitarre. Als er zurückkam, war die Luft raus. Die Bandmitglieder wollten in unterschiedliche Richtungen, und Nikolai merkte, dass er mit dieser Musik nicht mehr viel zu sagen hatte. Die Band ging auseinander.
Als Solist lernte er dafür die Kehrseite kennen: Stundenlanges Üben allein sei „eine sehr einsame Arbeit“. Ihn reizte stattdessen das Zusammenspiel – und die Gitarre als Begleitinstrument, „und zwar Begleiten auf einem sehr hohen Niveau“.

Im Masterstudium an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg wollte Nikolai für ein Auslandsjahr dorthin, wo die Gitarre kulturell zu Hause ist. Geplant waren Argentinien und Tango. Wegen der Pandemie landete er in Uruguay – und entdeckte in Montevideo durch Zufall eine Roda de Choro.

Eine Roda ist, vereinfacht gesagt, eine Jam-Session: Musikerinnen und Musiker sitzen im Kreis und spielen gemeinsam Choro, einen überwiegend instrumentalen Stil, der vermutlich in den 1870er-Jahren in Rio de Janeiro entstanden ist. In Montevideo saß ein Gitarrist mit einer siebensaitigen Gitarre: eine tiefe Saite mehr, viele Basstöne, eine ganz andere Art zu spielen. Dazu kamen das Pandeiro, eine Rahmentrommel mit Schellen, und das Cavaquinho, eine kleine viersaitige Gitarre. Das sei „viel besser als eine Ukulele“, meinte Nikolai lachend.
Besonders beeindruckt hat ihn, wie selbstverständlich er aufgenommen wurde. Nach ein paar Unterrichtsstunden lud ihn der Gitarrist direkt in die Roda ein: Spiel doch einfach mit. Aus der Klassik kannte Nikolai es anders – erst perfekt üben, dann proben, dann auftreten. In der Roda lernt man beim Spielen.
Also ging es weiter nach Brasilien, um die Musik dort zu lernen, wo sie herkommt. Anfang 2021 lag das Musikleben in Rio wegen der Pandemie weitgehend still. Zum Ankommen lieh ihm ausgerechnet Yamandu Costa, einer der bekanntesten Gitarristen Brasiliens und eines seiner großen Vorbilder, für eine Weile seine Wohnung.
Auf Yamandus Empfehlung landete Nikolai in Fortaleza im Nordosten des Landes beim Gitarristen und Lehrer Tarcísio Sardinha. Geplant war ein kurzer Aufenthalt, daraus wurden rund fünf Monate mit teilweise zwei, drei Unterrichtsstunden pro Woche. „Er war wie mein Vater für diese Musik“, sagt Nikolai. Parallel lernte er online an der Casa do Choro, einer Schule, die sich ganz dem Choro widmet.
Danach zog es ihn nach Rio. Dort kann man, so Nikolai, praktisch jeden Tag in eine große Roda gehen. Er hatte viele verschiedene Lehrer, darunter einen über 80-jährigen Gitarristen, der noch mit Choro-Größen wie Pixinguinha gespielt hatte. Für Nikolai war das „an der Quelle“: Von den ganz Alten könne man am meisten Weisheit mitnehmen.

Heute spielt Nikolai vor allem die traditionelle siebensaitige Gitarre mit Stahlsaiten. Sie klingt lauter und rustikaler als die Nylonvariante. Gespielt wird sie mit einem Daumenplektrum aus Metall, und in der Gruppe übernimmt sie vor allem die Bassläufe und Akkordverbindungen. Der Grund ist auch ganz praktisch: In einer lauten Bar mit mehreren Pandeiros hört man eine Nylongitarre kaum.
Was ihn am Choro fasziniert: Alle spielen dieselben Stücke und klingen trotzdem unterschiedlich. Jede Begleitung ist ein bisschen anders, je nachdem, wie man die Akkorde verbindet. Statt eines Jahres blieb Nikolai am Ende zweieinhalb Jahre in Südamerika – möglich durch Urlaubssemester und, wie er betont, sehr offene Professoren an seiner Hochschule.

Natürlich haben wir auch über kulturelle Aneignung gesprochen. In Brasilien und Uruguay sei Nikolai vor allem auf Wertschätzung gestoßen. In Fortaleza war er „total der Exot“: ein Deutscher, der ihre Musik studiert. Lokalen Musikerinnen und Musikern die Auftritte wegzunehmen, wäre für ihn trotzdem nie infrage gekommen.
Beim Samba würde er sich nicht mit derselben Selbstverständlichkeit hinsetzen, sagt er, weil diese Musik aus einem ganz anderen Kontext stammt. Der Choro sei dagegen eng mit europäischen Harmonien verbunden, mit denen er selbst aufgewachsen ist. Entscheidend sei, ob man es authentisch macht und sich ernsthaft mit der Herkunft der Musik beschäftigt.

Auf einer Reise lernte Nikolai zwei brasilianische Musikerinnen kennen, die ohnehin nach Europa kommen wollten. So entstand das Trio Candeeiro, mit dem er 2022 drei Monate lang unterwegs war, unter anderem durch Deutschland und Italien. Zum ersten Mal organisierte er dafür selbst Konzerte – vom kleinen Café bis zur großen Bühne.

Zurück in Hamburg hat er geholfen, die dortige Roda de Choro nach der Corona-Pause wieder regelmäßig stattfinden zu lassen. Aktuelle Termine findest du am besten über den Instagram-Kanal der „Rodas Hamburguesas de Choro“ (Link unten). Außerdem leitet Nikolai laut aktuellem Flyer ein Choro-Ensemble der Jugendmusikschule Hamburg für Spielerinnen und Spieler ab 11 Jahren.
Choro-Runden gibt es übrigens nicht nur in Hamburg. Nikolai erzählte von Rodas in Berlin, München, Köln und Kassel und hat den Eindruck, dass die Szene in Europa wächst.
Nach den Gitarristen gefragt, die ihn am meisten geprägt haben, nannte Nikolai drei sehr unterschiedliche Musiker: den klassischen Gitarristen Julian Bream, Yamandu Costa und Dino 7 Cordas, der den Stil der siebensaitigen Choro-Gitarre maßgeblich geprägt hat. Über Dinos Aufnahmen sagt er: „Das ist so die Perfektion pur.“
Und das Üben? Vieles passiert inzwischen direkt in der Roda, wo er auch mal fünf Stunden am Stück spielt. Sein Ziel wären zwei Stunden am Tag, „aber gut üben“, also konzentriert – neben Unterricht, Uni-Job und Reisen. Denn Nikolai fährt auch leidenschaftlich gern Fahrrad, und einmal die Länder der Anden abzufahren, steht schon länger auf seiner Wunschliste.
Zum Schluss gab er einen Rat mit, der gut zu seiner Geschichte passt: raus aus der Komfortzone, nicht als Konsument reisen, sondern Orte und Menschen wirklich kennenlernen. Gerade weil während Corona nichts nach Plan lief, hat er seinen „Schatz“ gefunden. „Ins Ungewisse gehen ist eine gute Sache.“

Ich gebe zu: „Roda de Choro“ konnte ich nach dem Gespräch immer noch nicht flüssig aussprechen. Aber ich habe eine Musik kennengelernt, die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte.
Das komplette Gespräch hörst du im Edelräudig-Podcast, Folge #11 „Der Weg zum Guitar Hero“, aufgenommen am 29. Dezember 2023 in Heidelberg (Länge: 1:22 Stunden).
Auf YouTube: Der Weg zum Guitar Hero
Auf Spotify: Der Weg zum Guitar Hero – Vom Metal zur brasilianischen Musik
Alle Folgen: Edelräudig-Podcast auf felize.com
KI-Hinweis: Dieser Artikel wurde auf Grundlage des Podcast-Gesprächs überwiegend mit KI formuliert. Grundlage war das automatische Transkript der Folge, Zitate sind sprachlich leicht geglättet. Ergänzende Fakten stammen aus den unten verlinkten Quellen.
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Rodas Hamburguesas de Choro auf Instagram:
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Choro-Ensemble der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg (Flyer, PDF):
https://www.hamburg.de/resource/blob/1136422/6b620a98c6a3b257fc2b5a30e67737a1/flyer-choro-ensemble-2026-data.pdf
Chorando Baixinho (Abel Ferreira) – Noite do Choro, Jazzhall Hamburg:
https://www.youtube.com/watch?v=7OH09ot4aDc
Cochichando (Pixinguinha) – Noite do Choro, Jazzhall Hamburg:
https://www.youtube.com/watch?v=DxdrzL9lcpM
Tico-Tico no Fubá (Zequinha de Abreu) – Noite do Choro, Jazzhall Hamburg:
https://www.youtube.com/watch?v=N9weujS_HK0
Trio Candeeiro – Gaúcho (Corta-Jaca) von Chiquinha Gonzaga:
https://www.youtube.com/watch?v=BpicuGrHLeU
Practicing „Uma noite no Sumaré“ (Esmeraldino Salles):
https://www.youtube.com/watch?v=df4Eb-gdTcU
HfMT Hamburg – Workshop „Brasilianischer Choro“ mit Kurzbiografie von Nikolai Voigt (9.2.2024):
https://www.hfmt-hamburg.de/hochschule/aktuelles/veranstaltungen/11157-2024-02-09-workshop
Choro auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Choro
Yamandu Costa auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Yamandu_Costa
Dino 7 Cordas auf Wikipedia (englisch):
https://en.wikipedia.org/wiki/Dino_7_Cordas
Tarcísio Sardinha, Musiker und Lehrer aus Fortaleza (O Povo, portugiesisch):
https://mais.opovo.com.br/jornal/vidaearte/2022/04/26/tarcisio-sardinha-deixa-legado-na-musica-como-compositor-e-professor.html
Text von
Felix Harsdorff
Bilder von
Felix Harsdorff
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