Traumjob Plattenladen: Wie Vinyl sein Leben veränderte
Erst Uni, dann Bürgermeister, dann der eigene Plattenladen in Stettin: Im Edelreudig-Podcast erzählt ein Inhaber kurz vor dem Ruhestand, warum Schallplatten für ihn mehr sind als Musik.

Erst Uni, dann Bürgermeister, dann der eigene Plattenladen in Stettin: Im Edelreudig-Podcast erzählt ein Inhaber kurz vor dem Ruhestand, warum Schallplatten für ihn mehr sind als Musik.
Manche Gespräche plant man wochenlang. Dieses hier ist an einem einzigen Tag entstanden. Im September 2024 war ich in Stettin und bin in der Innenstadt in einen kleinen Plattenladen gestolpert. Der Inhaber erzählte mir, dass er seinen Laden Ende Oktober 2024 schließen will und eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger sucht. Ich habe ihn spontan gefragt, ob wir am Abend einen Podcast aufnehmen. Er hat Ja gesagt. Herausgekommen ist eine Folge des Edelreudig-Podcasts über einen Traum, der erst nach einem ganzen Berufsleben wahr wurde – und über die Frage, warum Schallplatten uns bis heute nicht loslassen.

Der Plattenladen war nicht sein erster Beruf, sondern sein letzter. Fast 30 Jahre lang hat er an der Universität Stettin gearbeitet, als Sozialwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Kommunalpolitik. Irgendwann wollte er wissen, ob die Theorie aus seinen Vorlesungen auch in der Praxis funktioniert. Also ist er selbst angetreten und wurde für fünf Jahre Bürgermeister einer kleinen Stadt nahe der Ostsee.
Diese Zeit beschreibt er als richtig harte Erfahrung. Er habe viele Menschen getroffen, die Politik eher wie Gangster betreiben, und sich nach eigenen Angaben mit der lokalen Mafia angelegt. Sein Eindruck: Viele gehen nicht in die Politik, um etwas für die Gesellschaft zu tun, sondern für sich selbst. Danach wollte er nur noch eines: Ruhe – und endlich das machen, was er wirklich liebt.
Schallplatten waren für ihn schon als Kind etwas Besonderes. In den 60er- und 70er-Jahren war eine Platte aus dem Ausland im kommunistischen Polen ein kleiner Schatz. Wer mit einer Beatles- oder Rolling-Stones-Platte unterm Arm durch die Stadt lief, war jemand. Alle wollten wissen, woher man sie hatte.
In die Hafenstädte kamen die Platten vor allem über Seeleute, die sie aus dem Westen mitbrachten und weiterverkauften. Deshalb waren Städte am Meer wie Stettin oder Danzig Orte, an denen neue Musik wie Rock ’n’ Roll oft zuerst ankam. Wie wertvoll so eine Platte war, zeigt eine Geschichte, die ihm ein Kunde erzählt hat: Der Mann arbeitete in den 70ern auf der Werft, verdiente dort vergleichsweise gut – und gab einen ganzen Monatslohn, rund 6.000 Złoty, für eine einzige Deep-Purple-Platte aus. (Das waren noch alte Złoty aus der Zeit vor der Währungsreform von 1995, deshalb lässt sich der Betrag nicht sinnvoll in Euro umrechnen. Der Monatslohn sagt mehr als jeder Kurs.)
Heute, sagt er, holt Polen in Sachen Vinylkultur noch immer auf. Sammlungen, die vom Vater an den Sohn weitergegeben werden, gibt es dort kaum, weil es sie früher schlicht nicht geben konnte. Vieles, was im Westen selbstverständlich war, wird in Polen gerade erst entdeckt, zum Beispiel die frühen Experimente des deutschen Krautrocks.
Den Laden hat er 2017 eröffnet. Geholfen hat ihm dabei ein Förderprogramm der Stadt für Gründerinnen und Gründer: Er hat Anträge ausgefüllt und rund 18.000 Złoty (nach heutigem Kurs gut 4.000 Euro) Startgeld bekommen, mit denen er die Ausstattung kaufen konnte. Unter all den Gründungsideen war er der Einzige mit einem Plattenladen. Vorbild waren die Läden, die er aus Amsterdam, Berlin oder Paris kannte.

Nach seiner Erzählung war es damals der erste richtige Plattenladen in Stettin. Platten gab es zwar an ein paar Stellen zu kaufen, aber keinen Laden, der ganz der Musik gewidmet war. Schon bald wurde er Teil des internationalen Record Store Day, an dem Plattenläden auf der ganzen Welt am selben Tag besondere Veröffentlichungen anbieten, oft limitierte Pressungen oder farbiges Vinyl. Nach seinen Worten hat er den Record Store Day nach Stettin gebracht.
Ganz von allein lief das nicht. Die ersten zwei Jahre kannte kaum jemand den Laden. Aber es ging stetig bergauf, und die ruhige Anfangszeit hatte auch etwas Gutes: Zeit, alles einzurichten und Musik zu hören. Das sei zu Hause sowieso kaum möglich, wenn die eigene Sammlung sechs- bis siebentausend Platten umfasst. Und dann ist da ja auch noch seine Frau, mit der er sich die Zeit zu Hause teilt.
Ein Fachmann war er schon, bevor er den Laden aufgemacht hat. Als Student kam er über den Punk zum Reggae: Wenn die Punkbands etwas Langsameres spielen wollten, spielten sie Reggae. In den 90ern hatte er nach eigenen Angaben eine der größten Reggae-CD-Sammlungen Polens. Ende der 90er bekam er beim Radio in Stettin eine eigene Reggae-Sendung, ausschließlich mit Musik aus seiner Sammlung, und hat sie 17 Jahre lang Woche für Woche moderiert.
Zum Jazz kam er über das Kino. Polnische Regisseure wie Roman Polański haben ihre Filme mit polnischem Jazz unterlegt, und die Musiker durften leichter in den Westen reisen als die meisten anderen. Sie brachten neue Ideen mit zurück. Wer keine Beatles-Platte bekam, kaufte eben, was im Laden stand, und hörte auf die älteren Freunde, die wussten, welche Platte gut ist. So hat er angefangen, Krzysztof Komeda und andere polnische Jazzmusiker zu hören, etwa das Album „Astigmatic“ des Komeda Quintet von 1966.

Heute sucht er vor allem polnische Musik aus den 60er- und 70er-Jahren, die damals nur im Ausland veröffentlicht wurde, etwa Komedas Musik zu Polańskis „Rosemary’s Baby“. Ganz oben auf seiner Wunschliste steht das Album der polnischen Punkband Brygada Kryzys von Anfang der 80er. Das gehört zu den teuersten Platten in Polen, rund 800 Złoty (etwa 180 Euro). Er sucht also noch eine günstigere Ausgabe.
Ein Bild aus dem Gespräch ist bei mir hängen geblieben. Wenn er vor einer Kiste mit Platten steht und sie durchblättert, fühlt sich das für ihn an wie ein Fotoalbum: Jede Hülle erinnert an Treffen, Menschen, Partys und Situationen. Ich kenne das. Ich habe früher Songs aus dem Radio aufgenommen, und bei einem Lied von Fatboy Slim höre ich im Kopf bis heute die paar Sekunden mit, die ich damals vor dem Song mit aufgenommen habe.

Für ihn zählt aber vor allem der Klang. Mit einem guten Plattenspieler und einer guten Pressung sei Vinyl unschlagbar: klar, intensiv, analog. In der CD-Zeit dagegen sei vieles schlechter geworden. In Polen spricht man vom „Krieg des Lärms“, international ist er als Loudness War bekannt: Musik wurde immer lauter abgemischt, damit sie sich gegen alles andere durchsetzt. Als Beispiel nennt er das Metallica-Album „Death Magnetic“, gegen dessen Klang Fans protestierten.
Als Soziologe hat er noch einen anderen Blick auf das Thema. Eine Platte gibt uns Zeit für uns selbst, sagt er. Eine CD oder ein Stream läuft oft nur im Hintergrund, man skippt und macht nebenbei etwas anderes. Eine Platte muss man auflegen, umdrehen, man hört genauer hin. Und man kauft sie einmal und kann sie hören, so oft man will, statt für jeden Song immer wieder zu bezahlen.
Da musste ich ihm recht geben. Wir versuchen ständig, Zeit zu sparen, und verbringen die gesparte Zeit dann am Handy. Bei Vinyl fängt das bewusste Hören schon beim Kaufen an: Im Plattenladen kann man meistens vorher reinhören und überlegt sich, was man mitnimmt. Und ein Album ist oft eine ganze Geschichte, nicht nur eine Sammlung einzelner Songs.

Nur drei Lieblingsplatten? Das fiel ihm schwer, weil sich sein Geschmack mit der Zeit und der Situation ändert. Genannt hat er dann doch einige: „The Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd, die Reggae-Musiker Prince Far I und Bim Sherman und aus der Klassik den „Messiah“ in einer Aufnahme der Academy of St Martin in the Fields.
Die großen Bilder an den Wänden hat übrigens ein befreundeter Maler gestaltet, der auch Plattencover malt. Auf einem steht der Werbespruch des Ladens, den sich der Inhaber selbst ausgedacht hat: „One vinyl a day keeps the zombies away“. Ich würde sagen: vor allem den inneren Zombie.

Zum Schluss hat er mir noch erzählt, was im Laden steckt. Auf den ersten Blick wirkt er klein, aber es stehen rund 4.500 Platten darin. Dazu kommen ein kleiner Nebenraum für Tee und Pausen, Poster, Musikbücher, Schellackplatten und Kassetten. Auch die kommen gerade ein bisschen zurück: Manche Kunden kaufen sich einen alten Wagen und brauchen dann Kassetten fürs Autoradio. Ein anderer hat sich eine Jukebox angeschafft und kauft dafür Singles.
Ich selbst habe an diesem Tag auch etwas gefunden: ein Queen-Doppelalbum auf Kassette für gerade mal 10 Złoty (etwa 2,30 Euro). Wer sucht, der findet eben.
Ob der Laden inzwischen eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger gefunden hat, weiß ich nicht. Damals hat er gesagt: Wenn sich niemand findet, verkauft er die Platten komplett oder einzeln von zu Hause aus. Was ich aus dem Gespräch mitnehme: Manchmal kommt der Traumjob erst am Ende eines langen Berufslebens. Und eine gute Platte ist mehr als Musik, sie ist ein Stück Erinnerung, das man in den Händen hält.
Wenn er mit seiner Frau mal nach Heidelberg kommt, machen wir zusammen eine Plattenladen-Tour, versprochen. Wer das ganze Gespräch hören will, findet die komplette Folge direkt hier unten.
Und ihr wisst ja: Nur wer normal ist, kann durchdrehen.
Edelreudige Grüße, euer Felix
Das komplette Gespräch hört ihr im Edelreudig-Podcast, Folge #14 „Dreamjob Recordstore – How Vinyl Changed His Life“, aufgenommen am 26. September 2024 in Stettin (Länge: rund 1 Stunde, auf Englisch).
Auf YouTube: Dreamjob Recordstore – How Vinyl Changed His Life
Auf Spotify: Dreamjob Recordstore – How Vinyl Changed His Life
Alle Folgen: Edelreudig-Podcast auf felize.com
KI-Hinweis: Dieser Artikel wurde auf Grundlage des Podcast-Gesprächs überwiegend mit KI formuliert. Grundlage war das automatische englische Transkript der Folge, Aussagen sind sinngemäß ins Deutsche übertragen. Die Euro-Beträge sind ungefähre Umrechnungen zum Kurs von Oktober 2026 (1 Euro ≈ 4,37 Złoty). Die Fotos hat Felix Harsdorff im Laden in Stettin aufgenommen.
Record Store Day auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Record_Store_Day
Krzysztof Komeda auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Krzysztof_Komeda
Astigmatic (Komeda-Album) auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Astigmatic
Brygada Kryzys auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Brygada_Kryzys
Loudness War auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Loudness_War
Polnischer Złoty und Währungsreform 1995 auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Złoty
Text von
Felix Harsdorff
Bilder von
Felix Harsdorff
Du hast es geschafft, anscheinend bist du interessiert. Während meiner Recherche habe ich passende Empfehlungen für dich zusammengestellt.
Eine der Lieblingsplatten des Stettiner Plattenhändlers aus dem Edelreudig-Podcast: das Pink-Floyd-Klassiker-Album von 1973, hier als remasterte Vinyl-Ausgabe zum 50. Jubiläum.
Künstler: Pink Floyd
Titel: The Dark Side of the Moon (50th Anniversary Remastered)
Format: Vinyl-LP
Label: Sony Music Catalog
Ein Meilenstein des polnischen Jazz von 1966: Krzysztof Komeda, der auch die Filmmusik für Roman Polański schrieb. Genau diese Platte hält der Inhaber des Stettiner Plattenladens auf meinen Fotos in der Hand.
Künstler: Komeda Quintet
Titel: Astigmatic (Polish Jazz)
Format: Vinyl-LP
Label: Warner Music
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